Omelie · 13. Juli 2026
DILIGIS ME?
Predigt zum Fest der heiligen Apostel Petrus und Paulus
Carlo Maria Viganò
Si diligis me, pasce oves meas.
Non enim pascit oves qui non diligit Christum.
Mercenarius est qui non diligit,
sed suum quærit, non quæ Jesu Christi.
Wenn du mich liebst, weide meine Schafe.
Denn wer Christus nicht liebt, weidet die Schafe nicht.
Ein Söldner ist, wer nicht liebt,
sondern sein eigenes sucht, nicht das von Jesus Christus.
Heiliger Augustinus
Mit dem heutigen Hochfest der heiligen Apostel Petrus und Paulus stellt uns die Heilige Kirche vor das erhabene Geheimnis des Auftrags, den unser Herr dem Fürsten der Apostel anvertraut hat. Als Sühne für die dreifache Verleugnung im Prätorium verlangt Er von Simon Petrus ein dreifaches Liebesbekenntnis, nachdem Er den Jüngern am See von Tiberias erschienen war. Liebst du mich? Weide meine Lämmer, weide meine Schafe (Joh 21,15-19). Auf diesen Worten des Meisters - zusammen mit denen, die er in Cäsarea Philippi sprach: Du bist Petrus (Mt 16,17-18) - gründet sich das katholische Papsttum.
Der Herr baut Seine Kirche auf Petrus und beauftragt ihn, Seine Herde zu weiden, Seinen mystischen Leib und Sein göttliches Haupt mit derselben übernatürlichen Liebe - der Nächstenliebe - zu lieben, die bedingungslos ist und so weit geht, das Leben für die Freunde zu geben (Joh 15,13). Ein von Natur aus heroischer Auftrag, der Petrus und seine Nachfolger zu den rechtmäßigen Stellvertretern Christi auf Erden macht; und der aufgrund der damit verbundenen Auswirkungen auf die Leitung der Kirche und das Heil der Seelen als unabdingbare Voraussetzung die konsequente Einheit von Wahrheit und Liebe erfordert. So groß ist die Macht, die Gott einem Menschen schenkt, so groß ist die königliche und priesterliche Vollmacht, die Christus in das Papsttum einfließen lässt. Und je mehr sich der Papst durch seine Individualität auszeichnet - der «gute Papst», der «Papst des Lächelns», der «Globe-Trotter-Papst», der «Theologen-Papst», der «Papst der Peripherien» -, desto weniger hallt die Stimme des Meisters in seinen Worten wider.
Heute wird die Ordnung, die der göttliche Gesetzgeber dem römischen Papsttum und seiner Kirche geben wollte, gerade von demjenigen untergraben, der an der Spitze dieser Institution sitzt. Der Verrat wird nicht verheimlicht, sondern hemmungslos zur Schau gestellt, in der wahnwitzigen Überzeugung, das Ziel bereits erreicht zu haben, nur noch einen Schritt von dem unheilvollen Ziel der Auflösung der katholischen Kirche entfernt zu sein, um sie durch eine freimaurerische Einrichtung zu ersetzen, die dem Antichristen unterworfen ist. Ubi sedes beatissimi Petri, et Cathedra veritatis ad lumen gentium constituta est - schrieb Papst Leo XIII. in seinem Exorzismus - ibi thronum posuerunt abominationis et impietatis suæ; ut, percusso pastore, et gregem disperdere valeant. ‘Wo der Herr den Sitz des seligsten Petrus und den Lehrstuhl der Wahrheit errichtet hat, um die Völker zu erleuchten, dort haben seine Feinde den Thron des Gräuels und ihrer Gottlosigkeit aufgestellt, damit sie, nachdem sie den Hirten getroffen haben, die Herde zerstreuen können.’
Die prophetischen Worte aus der Vision von Leo XIII. mögen die Zeitgenossen dieses Papstes vielleicht bestürzt und ungläubig gemacht haben, und so war es bis zu Pius XII. Doch hundert Jahre später erweisen sie sich als ebenso beunruhigend wie zutreffend und ergänzen die Warnung der allerseligsten Jungfrau in La Salette: Rom wird den Glauben verlieren und zum Sitz des Antichristen werden. Und was ist das anderes als das Greuel der Verwüstung, von dem der Prophet Daniel (Dan 9,27; 11,31; 12,11) und das Evangelium selbst (Mt 24,15 und Mk 13,14) sprechen? Was ist das, wenn nicht die Verwüstung der Heiligen Stadt (Offb 11,2) und die Große Hure (Offb 17,1-18), die auf den sieben Hügeln thront, trunken vom Blut der Heiligen, und die jede Form von Apostasie und falscher Religion symbolisiert, die sich mit der politischen Macht gegen die Kirche verbündet?
Wer, wenn nicht der Sitz des Antichristen und der Thron des Gräuels, würde jene Bischöfe exkommunizieren, die den Verrat Roms nicht billigen wollen und die seit über sechzig Jahren die konziliare Revolution anprangern? Könnten wir uns als Katholiken jemals vorstellen, dass es ein Papst, ein Stellvertreter Christi, ist, der kanonische Sanktionen gegen diejenigen verhängt, die die Häresien des Zweiten Vatikanischen Konzils anfechten? Und dass das gesamte Episkopat doktrinäre und moralische Abweichungen billigt und fördert, anstatt sie energisch zu bekämpfen?
Eine törichte Kurzsichtigkeit veranlasst viele Konservative, sich in die Fallbeispiele von Handbüchern zu flüchten, die in normalen Zeiten verfasst und konzipiert wurden, und darin die Lösung für eine einzigartige, biblische, apokalyptische und eschatologische Krise zu suchen, und kategorisch auszuschließen, dass ein Ketzer nicht vom Papstamt abfällt und dass man ihm gerade noch Widerstand leisten kann, indem man ihm Autorität und Macht anerkennt. Sie begreifen nicht, dass das Versprechen des göttlichen Erlösers an den heiligen Petrus - Portæ inferi non prævalebunt (‘die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen’) - dennoch einen gewaltigen Konflikt voraussetzt, in dem die Synagoge Satans scheinbar die Oberhand gewinnen wird und die katholische Kirche als tot gilt. Es setzt eine allgemeine Apostasie voraus, die nicht nur die Lämmer betrifft - also die Neugetauften und die schwachen und unsicheren Katholiken -, sondern die gesamte Herde, deren Hirten heimtückisch durch Söldner und wilde Wölfe ersetzt wurden. Und es ist schrecklich wahr: Die Mächte der Hölle werden sicherlich nicht über die Kirche Christi siegen, aber sie beweisen, dass sie bereits eine andere Kirche - bzw. eine andere Religion - erobert haben, die nicht auf Petrus gegründet sein will, sondern auf einer ökumenischen und synodalen Neuinterpretation des Papsttums im Lichte des Bergoglianischen Dokuments «Der Bischof von Rom. Primat und Synodalität in den ökumenischen Dialogen und in den Antworten auf die Enzyklika Ut unum sint».
Als Simon sein Glaubensbekenntnis ablegte - Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes (Mt 16,16) - antwortete ihm der Herr unmittelbar darauf: Selig bist du, Simon, Sohn des Jonas, denn weder Fleisch noch Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel (ebenda, 17). Die Wahrheit gehört Gott, und nur wer nach Gottes Willen denkt und handelt, spricht mit den Worten der Wahrheit. Deshalb ist Petrus selig. Aber er ist nach eigenem Bekenntnis auch homo peccator (Lk 5,8), der es verdient, vom Herrn wie der Versucher in der Wüste behandelt zu werden: «Weiche von mir, Satan! Du bist mir ein Ärgernis, denn du denkst nicht nach Gottes Willen, sondern nach dem Willen der Menschen!» (Mt 16,23). Und die erste Art, nach menschlichem Ermessen zu denken, besteht darin, das Kreuz abzulehnen: Herr, das soll dir niemals widerfahren! (ebenda, 25).
Aber ist es nicht gerade «nach menschlichem Ermessen zu denken» und dem Kreuz sowie dem Erlösungsopfer unseres Herrn zu widersprechen, wenn man behauptet, dass alle Religionen Wege sind, die zu Gott führen? Ist es nicht «nach menschlichem Maßstab zu denken», wenn man mit Amoris Laetitia behauptet, die Moral müsse sich den Begierden der Menschen anpassen, und wenn die Kirche mit Fiducia Supplicans die schändlichsten Laster billigen muss, anstatt den Seelen den schmalen Weg zu weisen, der zum Himmel führt? Ist es nicht eine Verhöhnung der Passion unseres Herrn, eine universelle Brüderlichkeit zu vertreten, die die göttliche Vaterschaft in Christus außer Acht lässt?
Die Kirche ist heilig und unfehlbar, gewiss. Heilig und unfehlbar ist der Lehrstuhl des seligen Petrus. Doch die Unfehlbarkeit dessen, der mit dem höchsten Pontifikat betraut ist, ist keine Art «Autopilot», der den Papst zwingt, das zu tun und zu sagen, was unser Herr will. Der freie Wille ermöglicht es ihm, auf das Wirken der Gnade zu reagieren und ihr zu folgen, aber auch, sich ihr zu entziehen, indem er sich weigert, den Willen Gottes zu erfüllen, und sich Seine heilige Autorität für einen Zweck aneignet, der dem von Jesus Christus festgelegten entgegensteht. Dies macht die Autorität jener Bischöfe verabscheuungswürdig, die von den Gläubigen einen Gehorsam verlangen, der nur dann gut und legitim ist, wenn derjenige, der ihn ausübt, seinerseits dem Haupt des mystischen Leibes, unserem Herrn Jesus Christus, untertan und gehorsam ist.
Den Gehorsam zu einem Götzen zu machen - also ein geordnetes Mittel letztlich in einen Selbstzweck zu verwandeln - stellt einen unerträglichen Missbrauch seitens derer dar, die von ihren Untergebenen eine unkritische und unterwürfige Zustimmung verlangen, gerade in dem Moment, in dem sie sich der höchsten Autorität Gottes entziehen und sich das Recht anmaßen zu entscheiden, was vom Depositum fidei es verdient, bewahrt zu werden, und was geändert werden darf. Die Synodalität - so wie sie von Prevost in seinen zahlreichen Beiträgen formuliert wurde - schafft die dogmatische Grundlage für die permanente Revolution, die das Zweite Vatikanische Konzil bis zu seinen äußersten Konsequenzen führen wird, nämlich zur Auflösung des katholischen Gebäudes, wie wir es kennen - die x-te Schlacht, die vor den Toren der Hölle gewonnen wurde, in einem Krieg, in dem am Ende diese nicht siegen werden, in dem am Ende das Unbefleckte Herz triumphieren wird, in dem am Ende der Antichrist vom Erzengel Michael getötet wird, in dem am Ende unser Herr Satan in den Abgrund stürzen wird. Am Ende. Und in der Zwischenzeit, während die Feiglinge ihre Waffen niederlegen und sich dem Feind ergeben, erringen andere den endgültigen Sieg unter dem Banner Christi, des Königs.
Wer würde nicht einen General bedauern, der, obwohl er über die Waffen und Truppen verfügt, um den Gegner zu besiegen, deren Einsatz bewusst verhindert, die Soldaten sich selbst überlässt und zulässt, dass die Festung geplündert und verwüstet wird, nachdem er ihre sonst unantastbaren Tore weit geöffnet hat? Wie könnte man ihn als legitimen Vertreter eines Herrschers betrachten, den er in jeder Hinsicht verraten hat und dem er die königlichen Titel verweigert, um seinen Feinden zu gefallen?
Demjenigen Legitimität zuzugestehen, der das Papsttum an sich reißt, um es zu zerstören und mit ihm die Kirche zu vernichten, verwandelt das Pontifikat in ein selbstbezogenes Monstrum, macht es zum Thron des Gräuels und aller Gottlosigkeit - nach den Worten von Leo XIII. Und es widerspricht der Heiligen Schrift, da unser Herr selbst, um Petrus wieder in die Rolle aufzunehmen, die er durch seine Verleugnung verloren hatte, von ihm ein dreifaches Bekenntnis des Glaubens und der Nächstenliebe verlangte. Wenn die Apostasie der Lapsi (‘jene Christen im 3. Jh., die unter dem Druck der Verfolgungen ihren Glauben verleugnet hatten’) in Zeiten der Verfolgung ihren Ausschluss aus dem kirchlichen Leib und eine strenge lebenslange Buße nach sich ziehen konnte, welche Buße sollte dann Päpsten und Bischöfen auferlegt werden, die den empfangenen Auftrag verraten und vom katholischen Glauben abfallen?
Die Bruderschaft St. Pius X. tut sehr gut daran, sich auf den Notstand zu berufen, um Bischofsweihen ohne päpstliches Mandat vorzunehmen. Und wäre ihr verehrter Gründer heute noch unter uns, würde er diese Weihen sicherlich nicht nur als unverzichtbar für das Überleben der Bruderschaft betrachten, sondern auch und vor allem für die Verteidigung - für die gesamte Kirche - des Depositum Fidei, des Priestertums und der katholischen Messe, wodurch eine apostolische Sukzession gewährleistet wird, die nicht durch zweifelhafte Riten und ketzerische Lehren beeinträchtigt ist. Es wäre in der Tat wenig katholisch, sich mehr um das eigene Institut zu sorgen als um den gesamten kirchlichen Leib; und der zum Wohl der Seelen geltend gemachte Notstand würde seine Legitimität verlieren, wenn er sich nur auf die salus Fraternitatis (‘das Heil der Priesterbruderschaft’) beziehen würde.
Wenn Erzbischof Lefebvre bereits zur Zeit von Johannes Paul II. die Abweichungen des Konzils anprangerte, könnte er heute nicht umhin, die synodale Apostasie mit noch größerer Entschiedenheit anzuprangern. Den Drohungen oder Verlockungen Roms nachzugeben, hat sich bereits als verhängnisvolle und zum Scheitern verurteilte Entscheidung erwiesen: Das wissen die Überläufer der Bruderschaft St. Petrus nur zu gut, für welche die Versprechen, die ihnen vor ihrem Weggang von Ecône gegeben wurden, größtenteils nicht eingehalten wurden.
Nach Traditionis Custodes - das nach wie vor in voller Kraft ist - wäre es noch unüberlegter, der Aufforderung nachzukommen, die Kardinal Müller beim Konsistorium der letzten Tage ausgesprochen hat: den Erpressungsmechanismus des Motu Proprio Ecclesia Dei zu wiederholen, das liturgische Freiheit im Austausch für die doktrinäre und moralische Anpassung an das Zweite Vatikanische Konzil und dessen synodale Version gewährt.
Erneut zwingt die fünfte Kolonne des Neomodernismus, vertreten durch den Ratzinger’schen Konservatismus einiger bekannter Kardinäle, die Akzeptanz des Konzils und der Montini-Messe als condicio sine qua non (‘Bedingung, ohne die nicht’) der kirchlichen Gemeinschaft auf und schließt sich damit Leo an, der erst vor wenigen Tagen eingeräumt hat, dass die angedrohte Exkommunikation der Bruderschaft St. Pius X. nicht durch eine kanonische Frage motiviert sei, sondern durch einen nicht verhandelbaren dogmatischen Grund: die Akzeptanz des Zweiten Vatikanischen Konzils und des synodalen Weges. All dies werde ich dir geben, wenn du dich niederwirfst und das Zweite Vatikanische Konzil sowie den Novus Ordo akzeptierst.
Der heilige Augustinus kommentiert die Worte des Evangeliums wie folgt: Si diligis me, pasce oves meas. Non dixit: Pasce tuas, sed meas. Pasce ergo meas, si me diligis: non sicut tuas, sed sicut meas. Quære in eis gloriam meam, non tuam; dominium meum non tuum; lucra mea, non tua. «Wenn du mich liebst, weide meine Schafe. Er hat nicht gesagt: Weide deine, sondern meine. Weide also meine, wenn du mich liebst: nicht so, als hättest du sie für deine gehalten, sondern als meine. Suche in ihnen meine Herrlichkeit, nicht deine, meine Herrschaft, nicht deine; die Seelen, die ich erlöst habe, nicht deinen persönlichen Vorteil.»
Lasst uns beten, liebe Brüder, für die Heilige Kirche. Lasst uns beten und uns darauf vorbereiten, für sie zu kämpfen, indem wir uns den Feinden stellen, die sich in sie eingeschlichen haben und heute das Ruder in der Hand halten, um das Schiff des Petrus auf die Felsen zu steuern. Lasst uns öffentlich all jene unterstützen, die diesen Kampf mutig führen und dafür oft verfolgt und ausgegrenzt werden. Hören wir nicht auf, das Evangelium in seiner Gesamtheit zu verkünden, denn das Schweigen so vieler, allzu vieler Ängstlicher wird letztendlich zur Mittäterschaft und unterscheidet sich kaum von der Verleugnung des Petrus: Ich kenne ihn nicht. Mögen uns in dieser Zeit der Prüfung und der Enthüllung die Fürsten der Apostel begleiten, zu deren Ehren wir der göttlichen Majestät das makellose Opfer darbringen. Heilige Apostel Petrus und Paulus, auf deren Macht und Autorität wir vertrauen: möget ihr für uns beim Herrn Fürsprache einlegen. Amen.
+ Carlo Maria Viganò, Erzbischof
Viterbo, 29. Juni MMXXVI
Fest der Heiligen Apostel Petrus und Paulus
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